07.12 - 02.02.2019
Patrick Niemann
"PLÄDOYER FÜR SENSIBLE RIESEN"
07.12 - 02.02.2019
Patrick Niemann
"PLÄDOYER FÜR SENSIBLE RIESEN"


Der Gelehrte Hippokrates formulierte die Temperamentenlehre im 4. Jhdt. vor Chr.
und mit ihr die geheimnisvolle Entsprechung der Elemente Feuer, Luft, Erde und Wasser; ebenso der Grundfarben, mit dem ihnen verwandten Persönlichkeitsbild des
Cholerikers, Sanguinikers, Phlegmatikers und Melancholikers. Die in der Tradition des psychologischen Portraits stehende Gemäldegruppe „Plädoyers für sensible Riesen“ von Patrick Niemann zeigt das Individuum frei von oberflächlichen „Hut und Schnauzer“ Attributen und ist darauf gerichtet seine Wesensessenz auf unmittelbarste Weise zu erfassen. Die Diagnostik der zeitgenössischen Psychologie scheint dagegen in dem Maße komplexer zu werden, wie die natürliche Erlebnisfähigkeit des modernen Menschen abnimmt. Die Seele in den Bildern ist auf flächige, opakdeckende, reine Farbschichten reduziert, welche in ihrer scharfen Begrenzung der Ränder an die aktuelle Vektorgrafik auf Screens erinnert. Die scheinbare Verflachung der menschlichen Erfahrung wirft die Frage auf, inwieweit der Mensch sich an die Bedürfnisse der von ihm selbst geschaffenen Technologien anzupassen hat, inwieweit seine Instrumente ihn zu beherrschen und zu transformieren trachten. Ein ähnliches Argument hatte Anfang des 20. Jahrhunderts Kasimir S. Malewitsch im Hinblick auf die ausgelösten Veränderungen durch die Industrialisierung bildnerisch in seinen figurativen Bauernbildern formuliert. Die kalten konstruktivistischen Farbabstufungen innerhalb seiner Körper haben sich bei Patrick Niemann zu organisch schwingenden Farbbändern gewandelt. Gleichzeitig geht von der gesamten Werkgruppe eine Leuchkraft und spielerische Heiterkeit aus, die die Möglichkeit einer Verschmelzung der antiken Persönlichkeitsbilder (und der modernen Psychologie) hin zur Utopie eines neuen Menschenbildes, des homo ludens (Friedrich Schiller) in Aussicht stellt. Es scheint also weniger ein Interesse zu sein, eine wie auch immer geartete Synopsis der Persönlichkeit unter dem Duktus der antiken Medizin vorzulegen oder diese zu rehabilitieren, sondern die dort auftauchende Methodik der Entsprechungen, zur systematischen, wie auch intuitiven Bildfindung nutzbar zu machen.
Patrick Niemann "Plädoyer für sensible Riesen"Patrick Niemann "Plädoyer für sensible Riesen"Temperament (Choleriker, Gelb), 2018, Öl auf Leinwand, 181 x 152 cm, 2018Patrick Niemann "Plädoyer für sensible Riesen"Temperament (Melancholiker, Schwarz), Öl auf Leinwand, 180 x 140 cm, 2018Ohne Titel (Berlin), Buntstift auf Papier, je 42 x 29,7 cm, 2018 Patrick Niemann "Plädoyer für sensible Riesen" Temperament (Phlegmatiker, Weiß), Öl auf Leinwand, 152 x 123 cm, 2018Termperament (Sanguiniker, Rot), Öl auf Leinwand, 182 x 120 cm, 2018 4T |10 + 2 AP | fünf farbiger Druck, 42 x 29,7 cm, 2018